Mehdi Ghahreman

39, Unternehmer

„Ich versuche immer, Verständnis für die Deutschen zu haben. Das gleiche Verständnis erwarte ich dann aber ab einem gewissen Punkt auch zurück“



Lebt in:
Hamburg

Der Weg nach Deutschland:
1992 im Alter von zwölf Jahren mit Schleusern vom Iran über Jugoslawien nach Rumänien, nach einem Jahr weiter nach Österreich, von dort aus zu Fuß bis Hannover, dann aufs Flüchtlingsschiff in Hamburg

In Begleitung von:
Seinen Eltern und zwei jüngeren Brüdern

Im Gepäck:
Nur trockenes Brot


Als er mit seinen Eltern von der Zwischenstation in Rumänien nach Deutschland reisen durfte, mussten Mehdis jüngere Brüder zunächst dort bleiben. Eine vertrauensvolle alte Dame übernahm die Obhut, bis Mehdis Eltern alle Kinder zu sich holen konnten. Heute hat Mehdi selbst eine siebenjährige Tochter, zwei eigene Unternehmen aufgebaut und eine App erfunden. Er ist froh, in Deutschland gelandet und gesettelt zu sein. Gleichzeitig ist Mehdi sich sicher, dass das auch in einem anderen friedlichen Land möglich gewesen wäre. Wer flüchtet, will sich retten, sagt Mehdi, wohin ist zweitrangig.


Wie sehr berührt dich die aktuelle Flüchtlingsthematik?

Sehr. Auch weil ich vieles selbst sehr ähnlich erlebt hab. Besonders treffen mich aber die Hass-Debatten auf Facebook.

 

Liest du die gezielt?

Ja, ich muss. Das ist wie ein Instinkt. Ich möchte wissen, was die Menschen über uns Flüchtlinge denken. Vieles trifft mich sehr. Bei den Leuten, die in den sozialen Medien hetzen, merkt man: Die haben null Ahnung, was die Menschen durchmachen. Null!


Wann kam der Moment, in dem du selbst dich in Deutschland setteln konntest?

Der erste Moment, in dem wir uns hier ein bisschen entspannen konnten, war, als wir vom Flüchtlingsschiff, das damals im Hamburger Hafen lag, ins Asylbewerberunterkunft gekommen sind. Dort hatten wir weniger Angst vor der Abschiebung. Auf dem Schiff kursierten so viele Geschichten über Polizisten und übers Wegschicken. Die Angst vor der Abschiebung war für uns mit Todesangst gleichzusetzen. Im Iran wären wir für unsere Flucht hart bestraft worden. Ganz weggegangen sind die Ängste bei mir dann nach und nach, als ich in die Schule gekommen bin.


Wie hast du die erste Zeit in der Schule erlebt?

Ich hatte es leicht, denn ich wurde wie ein Bruder aufgenommen.


Von wem?

Von einem deutschen Jungen, der bis heute auch wie ein Bruder für mich ist. Von ihm und seiner Familie habe ich sehr schnell Deutsch gelernt – und auch das Land kennengelernt.


Wie sehr hat dir dieser Kontakt geholfen?

Sehr. Hilfe zu bekommen, Freunde zu finden, herzlich aufgenommen und langfristig akzeptiert zu werden wirkt Wunder. Eine ernst gemeinte Umarmung war für mich damals mehr als tausend Euro. Apropos: Nicht alle Flüchtlinge waren zu Hause arme Leute! Das wird, denke ich, sehr oft vergessen. Bei uns zum Beispiel ging es damals um Sicherheit. Wir wollten außer Lebensgefahr kommen. Das Finanzielle war in Deutschland weniger unser Problem als das Ankommen und Zurechtfinden in einem völlig fremden Land. Ich denke jeder Flüchtling möchte in erster Linie eins: Als Mensch gesehen und nicht als Flüchtling beleidigt werden.


Wo fängt Beleidigung an?

In dem Moment, wo jemand dich fragt: Was willst du hier?



Wirst du das gefragt?

Ja. Früher – und das passiert immer noch. In der letzten Firma, in der ich vor meiner Selbstständigkeit gearbeitet habe, gab es einen Chef, der nicht ausländerfreundlich war. Der hat diese Frage in Meeting-Situationen gestellt. Als Provokation. Als Migrant hört man da die Zwischentöne sehr deutlich. Er meinte nicht in dem Raum, er meinte nicht in dem Unternehmen – er meinte in diesem Land. Einmal hat er gesagt: Geh doch dahin, wo du hergekommen bist.


In deinem Fall wäre die realistische Antwort: Das geht nicht. Sagst oder erklärst du das?

Nein. In solchen Situationen kann ich nur weghören. Eine Diskussion würde schnell eskalieren, denke ich. Egal wie lange wir in Deutschland sind, für die meisten Deutschen bleiben wir Flüchtlinge immer Gast.


Fühlst und handelst du auch wie ein Gast?

Sagen wir so: Ich passe mich an. Weil man sich anpassen muss.



Hältst du das für wichtig?

Das ist sehr wichtig. Anpassung, Sprache, Bildung – und Verständnis. Verständnis für die Deutschen.


Inwiefern?

Na ja, ich versuche immer auch Ablehnung zu verstehen. Zum Beispiel die Kontroversen, wenn hier Moscheen gebaut werden. Wenn ein Deutscher in den Iran kommen und mitten in der Stadt eine christliche Kirche bauen würde, dann würden die Leute da auch erst mal durchdrehen. Insofern denke ich, kann man manchmal auch ein bisschen Verständnis zeigen. Das gleiche Verständnis erwarte ich dann aber ab einem gewissen Punkt auch umgekehrt: Wir Flüchtlinge wollen größtenteils ganz normal in Deutschland leben, nicht Schmarotzer sein! Dass Flüchtlinge in Deutschland oft so lange warten müssen, bis sie arbeiten dürfen, halte ich für Schwachsinn. Es ist wichtig, als Migrant gleich mit anpacken zu können. Zur Integration, zum Geldverdienen – aber auch, damit die sogenannten Kritiker nicht so viel Angriffsfläche haben.


Hast du unterbewusst das Gefühl, mehr leisten zu müssen, als jemand, der hier geboren ist, um das zu beweisen?

Nein. Ich arbeite gern und viel, für mich! Ich möchte und muss mich nicht beweisen. Ich möchte mein Leben leben.


Was gefällt dir an Deutschland?

Die Ordnung. Ich glaub, Ordnung und Sicherheit funktioniert hier echt am besten auf der Welt. Auch dass man sein Gedankengut und seine Ideen, wie meine App, schützen lassen kann, finde ich faszinierend.



Und was fehlt dir in Deutschland?

Das iranische Eis. Den Geschmack habe ich immer auf der Zunge. Mit Safran, oh! Das ist so lecker! Hier gibt es nachgemachtes, aber das schmeckt höchstens 20 Prozent so gut wie das Original. Immer, wenn ich an den Iran denke, denke ich an dieses Eis – dann läuft mir sofort das Wasser im Mund zusammen.